Lerneinheiten

Kurzbeschreibung

Die Teilnehmenden lernen vielfältige deutsche Identitäten im Kontext von Migration kennen und beschäftigen sich im Vergleich dazu mit rechtsextremen Vorstellungen von „Deutschsein“. Sie formulieren ihre Ideen für eine inklusive und vielfältige Gesellschaft.

Ziel

Bewusstmachen Deutschlands als postmigrantische, inklusiven Gesellschaft und Reflexion über positive Beispiele; Erkennen rechtsextremer Argumentationsmuster zu Herkunft und Zugehörigkeit.

Altersgruppe

ab 14 Jahren

Dauer

120 Minuten

Ablauf und Methoden

  • 20 Minuten – Eröffnungsdiskussion „Was ist deutsch?“ (Plenum)
  • 60 Minuten – Videoanalyse GERMANIA und Deutsche Welle (Gruppenarbeit und Plenum)
  • 40 Minuten – Visionsmethode „Deutschland 2.0“ (Gruppenarbeit)

Downloads

Vorbereitung

Hintergrundwissen

Bei der Durchführung dieser Lerneinheit ist es für die anleitenden Personen notwendig, Grundbegriffe der Neuen Rechten wie „Ethnopluralismus“ und „Der Große Austausch“ zu kennen. Weiterhin sollten die gezeigten Videos bekannt sein und die Diskussionsfragen bereits einmal vorbereitend beantwortet werden. Entscheidend für das Erreichen der Lernziele ist ein Bewusstsein darüber, dass eine biologistische Definition von „Deutschsein“ über Herkunft und Hautfarbe die Realitäten der Mehrheit von Menschen in Deutschland nicht widerspiegelt. Deutschland und „Deutschsein“ können und müssen, wie in den GERMANIA-Videos deutlich wird, nur inklusiv und zukunftsorientiert gedacht werden, ohne diskriminierende, rechtsextreme Argumentationsmuster zu bedienen. Auf normativer und rechtlicher Ebene können das Berliner Landes-Antidiskriminierungsgesetz (LADG) und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz des Bundes (AGG) als Grundlagen herangezogen werden.

Technik

Die Rezeption der Videos in Kleingruppen und im Plenum erfordert Downloads der Videos auf die genutzten Endgeräte (Tablets und Laptops) oder eine Internetverbindung, worüber die bereitgestellten Video-Links aufgerufen werden können. Die Präsentation des Deutsche-Welle-Videos im Plenum erfordert zudem einen Beamer und eine Leinwand, die mit einem Endgerät verbunden sind.

  • 1 Tablet oder Desktopcomputer pro Arbeitsgruppe (3–5 Teilnehmende)
  • 1 Beamer (plus Adapter)
  • Internet/W-LAN

Material

Zur Durchführung sind Links oder Downloads ausgewählter GERMANIA-Videos und des Deutsche Welle-Videos nötig. Wir empfehlen, zwei oder drei der GERMANIA-Videos für die Kleingruppenarbeit auszuwählen. Anleitende Personen können sich aus dem Pool des YouTube-Kanals auch andere Videos heraussuchen, die in den Kontext der Gruppe passen.

Durchführung

Eröffnungsdiskussion (Plenum)

Da es in dieser Methode um ein komplexes Thema geht, zu dem es keine einfachen Antworten gibt, wird mit einem kurzen Schlaglicht das Stimmungsbild der Lerngruppe eingefangen. Für das Schlaglicht werden im Plenum folgende Fragen gestellt und gemeinsam und  offen beantwortet:

  • Was ist eigentlich „Deutsch“? Wie würdet ihr es definieren?
  • Können Menschen auch mehr als eine nationale Identität haben?
  • Wie kann sich die Definition von „Deutsch“ über die Zeit verändern?

In der Diskussion wird deutlich, dass neben dem Ausweisdokument und der Muttersprache auch individuelle Zugehörigkeitsgefühle und andere Identitäten das Verhältnis zu Deutschland prägen. Außerdem können Menschen sowohl eine deutsche als auch eine andere Identität haben. Eine klare Abgrenzung von Deutsch und Nichtdeutsch ist nicht möglich, sondern entsteht auf der Grundlage eines gesellschaftlichen Verhandlungsprozesses und ist von politischen Interessen abhängig. Unter dieser Perspektive und mit einem kritischen Blick dafür, wer „Deutschsein“ definiert, werden im nächsten Modul Perspektiven analysiert.

Inhaltliche Vertiefung (Gruppenarbeit)

Im nächsten Schritt bekommen die Teilnehmenden in Kleingruppen (3–5 TN) kurze Videos über Personen mit Migrationsgeschichte und deren Auseinandersetzung mit „Deutschsein“. Die Zuordnung erfolgt zufällig. Nehmen sehr viele Personen an der Lerneinheit teil,  bekommen einige Kleingruppen dasselbe Video und ergänzen sich gegenseitig bei der Ergebnispräsentation. Die Kleingruppen bekommen 20 Minuten Zeit, um sich das Video zwei Mal anzusehen und sich Notizen zu folgenden Leitfragen zu machen:

  • Wer wird vorgestellt und was wurde angesprochen?
  • Welche Rolle spielt „Deutschsein“ für die Identität der Personen?
  • Versetzt euch in die Person hinein! Wie würdet ihr euch an ihrer Stelle fühlen. Was wäre euch wichtig?

Die in den Videos angesprochenen Erfahrungen können die Teilnehmenden gegebenenfalls nachvollziehen oder lernen neue Perspektiven kennen. Es geht in den Videos nicht ausschließlich um „Deutschsein“, sie haben aber direkte Bezüge dazu und werfen Fragen der Identität auf. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Umgang damit, als „anders“ behandelt zu werden. Hier liegt das Potenzial für ein inklusives und mehrdimensionales Verständnis von deutschen Identitäten.

Nach der Kleingruppenphase kehren alle ins Plenum zurück und die Gruppen stellen sich kurz gegenseitig ihre Ergebnisse vor. Sofern nur zwei verschiedene Videos unter zwei oder mehr Gruppen aufgeteilt wurden, können sie vor der Besprechung im Plenum gezeigt werden. Wenn es mehr Videos sind, nimmt die Präsentation auf diese Weise mehr Zeit in Anspruch und muss in die Planung einbezogen werden.

Nachdem alle Gruppen ihre Gedanken zu den Videos vorgestellt haben, kann die Frage in den Raum geworfen werden, welche Themen in diesen Videos für die Teilnehmenden persönlich wichtig waren. Hierdurch wird ein Raum für eigene Erfahrungen geöffnet, niemand sollte jedoch zu einer Stellungnahme gedrängt werden.

Vergleich mit Rechtsextremismus (Teamende/Plenum)

Die Teamenden leiten zum Thema Rechtsextremismus über und zeigen im Plenum ein Video, das die ausgrenzenden Einstellungen der Identitären Bewegung zu „Deutschsein“ sichtbar macht (Deutsche Welle, siehe Material). Vor dem Video werden die Jugendlichen gefragt, ob sie schon von der Identitären Bewegung gehört haben. Die Gruppierung wird durch die Teamenden eingeordnet, sodass klar wird, dass die Identitären Rechtsextreme sind, die ihre Ideologie hinter einem an den sozialen Medien orientierten Stil verbergen, um junge Menschen für ihre Ideologie zu gewinnen.

Im Anschluss werden folgende Leitfragen diskutiert:

  • Gibt es Fragen oder Unklarheiten zu Dingen, die gesagt wurden?
  • Wer kann der Ideologie der Identitären Bewegung zufolge „Deutsch“ sein und wer nicht?
  • Was denkt ihr über die Einstellungen der Rechtsextremen? Welche Fragen würdet ihr ihnen als Journalist*in stellen?

Mit der Auswertung des Videos wird deutlich, dass Rechtsextreme eine völkische, also ausgrenzende Vorstellung davon haben, wer „deutsch“ sein kann. Sie schließen damit circa ein Viertel der Bevölkerung der Bundesrepublik aus. Auf der Grundlage ihres biologistischen und nationalistischen Verständnisses von „Deutschsein“ werden andere identitätsstiftende Merkmale ausgeblendet und eine Ingroup definiert, die in Wirklichkeit so nie existiert hat. Dem gegenüber steht mit den GERMANIA-Videos ein Bild von Deutschland, das seine Realität als Einwanderungsland anerkennt und Raum für unterschiedliche Identitäten bietet.

Upgrade Deutschland 2.0 (Gruppenarbeit)

Die Teilnehmenden werden im letzten Teil der Lerneinheit dazu angeregt, sich perspektivisch Gedanken über eine gute und zukunftsorientierte Vision der deutschen Gesellschaft zu machen. Es geht darum, eine Vision namens Deutschland 2.0, also ein Upgrade für die deutsche Gesellschaft, zu entwickeln. Der Begriff Deutsch 2.0 stammt aus dem GERMANIA-Video über Younes Al-Amaira, der seine eigene Identität darin so beschreibt. Diese Methode beinhaltet zwei Schritte: 1) Die Teilnehmenden überlegen sich in etwa zehn Minuten Einzelarbeit drei Hashtags, die für sie positive Eigenschaften von Menschen in einem inklusiven Deutschland beschreiben. 2) Es werden Gruppen von etwa vier Personen gebildet, die sich in 20 Minuten untereinander auf drei Hashtags pro Gruppe einigen und zu jedem Hashtag eine Person des öffentlichen Lebens in Deutschland finden, die diesen repräsentieren könnte. Dies sollten Vorbilder wie Musiker*innen, Influencer*innen oder Sportler*innen sein. In der anschließenden Präsentation stellen die Gruppen im Plenum vor, wen sie für welchen Hashtag herausgesucht haben und warum. Falls nicht alle die Person kennen, erzählen sie kurz etwas über sie. Wenn der zeitliche Rahmen es erlaubt, zeigen die Teilnehmenden dazu Fotos, Videos, Songs oder andere Medien von oder zu dieser Person. Für diese ausführliche Präsentation sind je nach Anzahl der Gruppen 40 Minuten einzuplanen.

Während der Präsentationen schlagen die Teamenden regelmäßig den Bogen zur Idee inkludierendes Upgrade Deutsch 2.0. Dabei thematisieren sie auch die Frage, warum Personen des öffentlichen Lebens auch Eigenschaften von Deutsch 2.0 repräsentieren können und inwieweit diese Personen ihrer Vorbildrolle gerecht werden. Am Ende fassen die Teamenden zusammen, welchen Eindruck sie von dem Upgrade haben und bestärken die Teilnehmenden in der konstruktiven Visionsentwicklung.

Der erste Schritt der Methode wird in stiller Einzelarbeit umgesetzt.

Aufgabe: „Stellt euch vor, ihr dürft Deutschland upgraden und es heißt jetzt Deutschland 2.0! Welche Eigenschaften zeichnen die Menschen in einem positiven und inklusiven Deutschland 2.0 aus? Schreibt euch dafür in Einzelarbeit drei Hashtags auf.“

Im zweiten Schritt werden Gruppen gebildet.

Aufgabe: „Bildet Arbeitsgruppen von etwa 4 Personen. Einigt euch auf drei Hashtags in der Gruppe und überlegt euch eine prominente Person für jeden Hashtag. Das können zum Beispiel Musiker*innen, Influencer*innen oder Sportler*innen sein, Hauptsache ihr findet sie toll und sie leben in Deutschland! Bereitet euch darauf vor, den Anderen als Gruppe eure drei Hashtags die dazugehörigen Personen vorzustellen. Überlegt euch, ob ihr einen Song, einen Social Media-Kanal, ein Video oder Foto zeigen wollt.“

Anschlüsse/Varianten

Meinungsbarometer als Alternative zum Schlaglicht

Hier werden, wie in der Methode Meinungsbarometer beschrieben, einige Fragen gestellt, zu denen sich die TN zwischen den Polen Zustimmung und Ablehnung positionieren. Nach jeder Positionierung können einzelne Teilnehmende zu dem Beweggrund für ihre Position befragt werden, sodass ein breiteres Spektrum sichtbar wird.

Folgende Thesen werden dabei in den Raum gestellt:

  • Alle, die in Deutschland geboren sind und Deutsch sprechen, gehören genauso zu diesem Land.
  • Deutsche und muslimische Identität passen heutzutage gut zusammen.
  • Wenn jemand zu mir sagt, ich sei nicht deutsch, verletzt mich das.
  • Eine Bundeskanzlerin mit türkischen Wurzeln könnte den Job genauso gut machen wie Angela Merkel.

Weiterführende Ressourcen: